„Am witzigsten und skurrilsten ist immer noch das wahre Leben.“

Die Autorin im Gespräch

Der Schneewittchen-Club
gehört zu den Büchern, aus denen man ständig laut vorlesen muss, weil so viele gute Stellen darin sind, die man mit seinen Freundinnen teilen will. Bei mir zum Beispiel waren es die Stellen, in denen Reenas Stiefmutter versucht, indischer als ihre indischen Stiefkinder zu sein.Ich hatte das Glück, Lily Archer interviewen zu können und mehr über das Schreiben und ihre Zukunftspläne zu erfahren.
Liebe Fans des Schneewittchen-Clubs, lest und freut euch.


Wie kamst du auf die Idee für Der Schneewittchen-Club?
Die Idee zum Schneewittchen-Club kam mir irgendwann, als ich im Kino saß. Ich kann mich nicht einmal an den Film erinnern. Plötzlich dachte ich: Drei Mädchen schließen einen Geheimbund um sich gegen ihre Stiefmütter zu wehren bzw. sich an ihnen zu rächen. Zuerst fand ich, dass es einfach eine witzige Ausgangsposition war, aber dann fing ich an, über die moralischen Konsequenzen nachzudenken und darüber, was "böse" eigentlich bedeutet.

Kannst du erklären, wie das Schreiben bei dir abläuft? Hörst du Musik oder hast du andere Hilfsmittel, von denen du dich inspirieren lässt?

Beim Schreiben Musik hören geht bei mir gar nicht – Musik beeinflusst mich so stark, dass ich bei jedem neuen Lied ganz anders schreiben würde, so als würde jeder Absatz von einer anderen Person geschrieben. Ich brauche absolute Stille, damit ich den Stimmen in meinem Kopf zuhören kann.

Wir bekommen die Geschichte der drei Mädchen jeweils in der ersten Person zu lesen. Warum hast du dich entschieden, alle drei Protagonistinnen zu Wort kommen zu lassen, anstatt nur aus einer Sicht zu schreiben oder sogar in der dritten Person?
Ich habe beschlossen, alle drei Mädchen aus der Ich-Perspektive sprechen zu lassen, weil ich es hochinteressant finde, wie zersplittert unser soziales Universum im Grunde ist. Eigentlich hätte ich am liebsten die Hälfte des Romans von den STIEFMÜTTERN erzählen lassen, aber dann wäre das Buch am Ende tausend Seiten lang geworden. Indem ich die drei Mädchen ihre jeweilige Geschichte selber erzählen ließ, konnte ich mit der Form des "unzuverlässigen Erzählens" spielen: Jedes der Mädchen liegt mindestens einmal im Buch völlig falsch. Damit geht auch einher, dass ich – als Autorin – nie behaupte, ich wollte ein objektives Bild einer bösen Stiefmutter zeichnen. Shanti Shruti ist in Reenas Augen böse, darauf kommt es an.

Witzig zu schreiben ist nicht einfach, aber du tust es mit großer Leichtigkeit. Hast du irgendwelche Einsichten oder Ratschläge, die du mit anderen Schriftstellern teilen könntest, wie man Humor am besten rüberbringt?
Immer wenn ich versuche, witzig zu sein, scheitere ich kläglich damit. Aber wenn mir egal ist, ob es sich witzig anhört oder nicht, und ich versuche, die Dinge so wahrheitsgemäß wie möglich niederzuschreiben, dann kommen die Sachen am komischsten heraus. Am witzigsten und skurrilsten ist immer noch das wahre Leben. Man darf nur nicht versuchen, irgendetwas anderes daraus zu machen.

Reena Parachuri ist ein richtig cooles Mädchen. Ist die Figur an eine echte Person angelehnt?

Leider nicht. Reena besteht aus Teilen verschiedener Leute, die ich kenne, auch aus einem Stück von mir, und aus dem Fantasiebild einer besten Internatsfreundin, die ich nie hatte.

Welcher deiner Figuren warst du als Teenager am ähnlichsten? Und wer wärst du als Teenager am liebsten gewesen?

O je. Ich glaube, ich war so ziemlich wie Molly Miller, auch wenn ich mit sechzehn plötzlich zu Alice Bingley-Beckerman mutierte, allerdings ohne dass ich es selbst bemerkte. Als sich das erste Mal ein Junge mit mir verabreden wollte, dachte ich wirklich, mir will jemand einen Streich spielen. Ich wäre sehr gerne wie Reena gewesen, weil sie so selbstbewusst und lustig ist. Und sie hat all die tollen Klamotten.

Wenn Der Schneewittchen-Club
verfilmt würde, wen würdest du für die Rollen von Alice, Reena und Molly besetzen?
Gute Frage. Ich muss zugeben, ich habe mir heimlich schon so meine Gedanken gemacht. Amanda Seyfried (Girls Club – Vorsicht, bissig!, Mamma mia) wäre ein tolle Alice, glaube ich. Über Reena und Molly muss ich noch nachdenken. Ich bin dankbar für gute Vorschläge!

Schreibst du im Moment an einem neuen Roman? Vielleicht eine Fortsetzung von Der Schneewittchen-Club?
Ich arbeite an einem neuen Buch. Es geht wieder um Freundschaft, irgendwie, aber diesmal spielt die Geschichte im alten China, am Hof der Kaiserinwitwe. Das Leben der Kaiserinwitwen und ihrer Kammerfrauen war ungeheuer prächtig und faszinierend.

Hast du noch einen Rat an junge Frauen, die mit einer bösen Stiefmutter leben müssen?
Statt eure Stiefmutter einfach "böse" zu finden, versucht sie zu durchschauen. Ist sie verrückt? Hat sie ein Trauma hinter sich? Wie war ihre Kindheit? Auch wenn es sehr, sehr hart ist, mit einer (bösen) Stiefmutter oder einem (bösen) Stiefvater aufzuwachsen (idealerweise müsste keiner von uns da durch), kann man unglaublich viel dabei lernen. Am Ende bist du viel schlauer und reifer als die deiner Freunde, die in super funktionierenden, glücklichen Familien aufwachsen, und du bist in der Lage, mit Verrückten zurechtzukommen.

Böse Stiefmütter sind ein typisches Märchenmotiv. Was sind deine Lieblingsmärchen?
Hänsel und Gretel vielleicht. Weil es so unheimlich ist. Außerdem gibt es eine Geschichte von A.S. Byatt mit dem Titel Das Ding im Wald – mit das Beste, was ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Wen zählst du zu deinen literarischen Einflüssen?
Was Literatur für Kinder und junge Erwachsene angeht: Edward Eager, Diana Wynne Jones, Norton Juster. Und dann war da dieses seltsame, tolle Buch, das ich mit dreizehn gelesen habe - das mit den Puppen auf dem Dachboden, die tote Menschen waren? Und Tapeten aßen? Puh. Ich muss unbedingt rausfinden, wie das hieß. Es geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Danke, Lily! Wir freuen uns schon auf dein neues Buch. Ich glaube, ich spreche für alle Fans des Schneewittchen-Clubs, wenn ich sage, bitte schreib eine Fortsetzung. Wir würden zu gerne hören, was aus Kristen geworden ist.


Das Interview führte The YA YA YAs im November 2007 unter http://theyayayas.wordpress.com
Übersetzt von Sophie Zeitz