Leseprobe

Vorwort

Liebe Stiefmütter in aller Welt,
wie Ihr vermutlich wisst, werden mehr als fünfzig Prozent aller Ehen in Amerika geschieden. Und mehr als fünfundsiebzig Prozent der geschiedenen Ehemänner heiraten wieder. Das bedeutet, es gibt Tausende – Millionen! – von Stiefmüttern. Stiefmütter in North Dakota. Stiefmütter in Florida. Dünne Stiefmütter und dicke Stiefmütter. Schöne Stiefmütter und hässliche Stiefmütter. Gute Stiefmütter und böse Stiefmütter.
In diesem Buch geht es nicht um die guten Stiefmütter.
Wir behaupten nicht, dass es sie nicht gebe. Wir wissen, dass es gute Stiefmütter gibt. Wir verlassen uns darauf. Wir wissen, dass irgendwo da draußen jede Menge Stiefmütter herumlaufen, die ihre Stieftöchter liebevoll umsorgen – Stiefmütter, die stets Rat wissen, lustige Witze machen, Monopoly spielen, Slapstickkomödien aus der Videothek ausleihen und mit ihren Stieftöchtern in äthiopischen Restaurants essen gehen. Wahrscheinlich gibt es Tausende von Mädchen, die geradezu galaktisch gute Stiefmütter haben. Diese Mädchen können gerne ein Buch darüber schreiben, wie fantastisch ihre Stiefmütter sind.
Doch wir sind nicht diese Mädchen.
Wir sind der Schneewittchen-Club.

Wir haben zufälligerweise unfassbar böse Stiefmütter erwischt. So. An alle Stiefmütter, die einwenden wollen, dass die Gesamtheit der Stiefmütter in diesem Buch unfair repräsentiert ist: Wir wissen nicht, was wir Euch sagen sollen. Es tut uns leid? Ganz ehrlich, wir haben auch keine Ahnung, warum wir so grauenhafte Stiefmütter abbekommen haben. Pech? Schlechtes Karma? Schicksal? Wenigstens hat es das Schicksal gut mit uns gemeint, als wir uns im Internat begegnet sind und uns zu einer Familie zusammengeschlossen haben. Denn durch die Gründung des Schneewittchen-Clubs sind wir zu einer Erkenntnis gelangt: Wir müssen unser Glück/Karma/Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir dürfen das Zepter nicht unseren bösen Stiefmüttern überlassen.
Das ist unsere Geschichte.
An die guten Stiefmütter: Bleibt so gut, wie Ihr seid! Hoffentlich dürfen wir Euch eines Tages kennenlernen.
An die bösen Stiefmütter: Seid gewarnt.
Unterzeichnet:
Der Schneewittchen-Club

TEIL EINS

KAPITEL 1
Alice Bingley-Beckerman
Am Anfang schien R. ganz nett zu sein. Sie lud mich und Paps zu sich nach Hause zum Essen ein, und den Großteil des Abends standen wir in ihrer Wohnung an der Upper West Side herum und sahen ihr beim Kochen zu. R. war rundum bezaubernd, wie sie in ihrem Seidenkleid und lila Lidschatten durch die Küche schwebte, in blubbernden Töpfen Marinara-Soße rührte und sich alle paar Sekunden bückte, um ihren Yorkshire-Terrier Godot zu küssen. Ich sah Paps an, dass er sie hinreißend fand. Sie war schön und lustig und sang die ganze Zeit Melodien aus verschiedenen Musicals. Paps rief: »Cats?«, und sie flötete: »JA, GENAU!«, und dann nippte er an seinem Bier, mit sich und der Welt zufrieden. Und es war ja auch nett, dass sie mich mit eingeladen hatte. Ich schätze, es war ihr erstes Rendezvous, und da war es ziemlich cool von ihr zu sagen: »Warum bringst du nicht deine Tochter mit?« Sie wirkte echt locker, nett und kinderlieb. Nicht gerade wie eine durchgeknallte eifersüchtige Psychopathin, oder?
Falsch.
Paps und ich waren so unschuldig und naiv. Vielleicht weil es sein erstes Rendezvous nach Mamas Tod war. Wir hatten wirklich keine Ahnung, dass R. Klausenhook – preisgekrönte Schauspielerin und Liebling der New Yorker Theaterwelt – sich als waschechte böse Hexe entpuppen würde. Ehrlich gesagt glaube ich, Paps hat bis heute keine Ahnung, dass R. eine waschechte böse Hexe ist.
Das ist die Tragik meiner Geschichte.

Der ganze, nicht enden wollende Horrortrip (wie meine Freundin Reena es sieht, doch mehr von ihr später) begann vor zwei Jahren, als ich dreizehn war und meine Mutter starb. Sie hatte Krebs. Es war so ziemlich das schlimmste Jahr meines Lebens. Als es passiert war, musste ich mir von meinen Klassenkameraden Sachen anhören wie: »O Gott, es tut mir sooo leid. Letztes Jahr ist meine Urgroßmutter gestorben, und das war echt schrecklich. Ich weiß genau, wie du dich fühlst.« Ich wollte schreien: Deine Urgroßmutter war fünfundneunzig und im Altersheim, und du hast sie nur dreimal im Jahr gesehen, woher willst du im Entferntesten wissen, wie ich mich fühle? Meine MUTTER ist gestorben, du blöde Kuh. Doch ich lächelte nur und nickte. Weil ich aus Prinzip keinen Streit anfange. Ich bin Alice. Ich bin das stille Mädchen mit den coolen Klamotten. Alle mögen mich. Irgendwie. Ich bin die drittbeste Freundin. Meine Mitschülerinnen schrieben mir nach der achten Klasse ins Jahrbuch: »Schön, dass es dich gibt. Du bist echt nett!« Oder: »Du scheinst ein echt netter Mensch zu sein! Schöne Sommerferien!« Oder: »Danke, dass du immer so nett bist! Bleib so!« Irgendwann begriff ich, was »nett« eigentlich hieß: Niemand kannte mich, und ich war (bis jetzt) noch niemandem auf die Füße getreten.

Dabei hatte ich es in den ersten dreizehn Jahren meines Lebens ziemlich gut gehabt. Ich war ein Einzelkind und wohnte mit meiner Mutter und meinem Vater in einem wunderschönen alten Sandsteinhaus in Brooklyn. Meine Eltern waren beide Schriftsteller. Ziemlich bekannte Schriftsteller sogar. Mein Vater ist Nelson Bingley, und meine Mutter ist (war) Susan Beckerman. Vielleicht habt ihr schon mal von ihnen gehört. Vor meiner Geburt haben beide Romane geschrieben, die viel Aufsehen erregt haben. Einmal habe ich versucht, eins der Bücher meiner Mutter zu lesen, aber es war mir viel zu kompliziert. Schon im ersten Satz kamen mindestens drei Wörter vor, von denen ich noch nie gehört hatte. Trotzdem war es eine feine Sache, zwei Schriftsteller als Eltern zu haben. Sie waren viel zu Hause und tippten an ihren Schreibtischen vor sich hin, und es kamen ständig irgendwelche ihrer verrückten Freunde zu Besuch und wohnten bei uns, berühmte Maler zum Beispiel und Musiker und Filmemacher. Ich bewahre immer noch das echte Glasauge auf, das mir ein italienischer Bildhauer zum Geburtstag geschenkt hatte. Wenn andere Kinder mich besuchen kamen, schüttelten sie neidisch den Kopf und sagten: »Deine Eltern sind echt toll.« Ja, das war ich. Die mit den tollen Eltern. Aber dann hatte ich plötzlich nur noch einen Vater.

Eine Weile war es sehr, sehr hart. Unser Haus fühlte sich zu groß und zu leer an, und mein Vater und ich saßen jeden Abend schweigend im dunklen Wohnzimmer und sahen stumpfsinnige Fernsehsendungen, die meine Mutter nie geduldet hätte. Ich brauchte ein ganzes Jahr, um mir, wenn etwas Interessantes oder Aufregendes passiert war, den Gedanken abzugewöhnen: Mal sehen, was Mama dazu sagt. Doch dann kam der Tag, als ich aufhörte, Mal sehen, was Mama dazu sagt zu denken, und danach wurde es erst recht grauenhaft. Zuerst vergisst du ständig, dass deine Mutter tot ist, und dann merkst du irgendwann, dass du dich daran gewöhnt hast, dass deine Mutter tot ist. Das zweite Gefühl ist sogar noch schlimmer.

So ging es vielleicht eineinhalb Jahre, bis mein Vater ein Theaterstück schrieb. Es war sein erstes Theaterstück, und es handelte von einer Frau, die an Krebs starb. Große Überraschung, oder? Alle fanden das Stück großartig. Papas Agentin rief mitten in der Nacht an und sagte, sie konnte nicht zu Ende lesen, weil sie so heulen musste. Drei Wochen später wollte ein Theater am Broadway das Stück auf die Bühne bringen, und R. Klausenhook – die beste Schauspielerin der Stadt, der Star, der ausverkaufte Häuser und Auszeichnungen garantierte – wollte die Hauptrolle übernehmen. Sechs Wochen später war Premiere, und in der New York Times erschien eine begeisterte Rezension, und Paps lächelte, wie er seit … also, seit Mama nicht mehr gelächelt hatte, und drei Wochen später lud R. Klausenhook uns beide zu sich nach Hause zum Essen ein. Und das alles gönnte ich Paps. Wirklich. Ich dachte, wenn er nicht mehr die ganze Zeit so traurig wäre, würde ich vielleicht auch nicht mehr die ganze Zeit so traurig sein. Dumme Theorie.

Jedenfalls legte R. sich am ersten Abend mächtig ins Zeug. Und sie ist echt eine unglaubliche Köchin. Sie machte Endiviensalat und Knoblauchhähnchen und gebackene Eier mit Tomatensoße und Basilikum und eine göttliche Himbeertorte mit Schokoladenstreuseln. Papa und ich aßen wie die Weltmeister. »Mmhh«, sagte Papa und wischte sich mit der Serviette den Mund ab. »Das war das Beste, das ich seit weiß Gott wie lange gegessen habe. Normalerweise ernähren Alice und ich uns von Fischstäbchen aus der Mikrowelle.« Das stimmte. Papa und ich aßen dauernd Fischstäbchen. Doch irgendwas an der Art, wie er R. Klausenhook davon erzählte, verletzte mich ein bisschen. Wir versuchten eben, irgendwie zurechtzukommen. Und bis jetzt hatte es uns beiden gereicht. »Ach du liebe Zeit«, tönte R. »Das ist ja grauenhaft. Für mich ist Essen unglaublich wichtig. Ich finde, jede Mahlzeit sollte eine sinnliche Erfahrung sein.«

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redete, aber Paps hörte andächtig zu und nickte mindestens dreimal hintereinander. R. streckte die Hand über den Tisch aus und legte ihre juwelenbesetzten Finger auf meine. »Und du, Alice?«, fragte sie. »Was sind deine Leidenschaften?« »Ich …«, sagte ich. Hilfe suchend sah ich Paps an. Doch der lächelte nur mit leerem Blick zurück. »Weißt du«, erklärte R., »meine Leidenschaften sind die Schauspielerei und Essen. Und Sex natürlich. Und deine?« Beinahe hätte ich mich an dem gebackenen Ei verschluckt, das ich im Mund hatte.
Glücklicherweise sprang Paps ein. »Alice fährt gerne Snowboard. Stimmt doch, oder, Alice?« Ich nickte erleichtert. »Ja. Genau. Snowboarden ist toll.« In Wahrheit war ich in meinem ganzen Leben vielleicht zweimal Snowboarden gewesen. Aber, na gut. Damit war es eben zu meiner Leidenschaft geworden. Was soll’s. Ich hätte auch gerne Sex dazu gezählt, aber bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt. Irgendwann hatte ich mal auf einer Party in Manhattan mit Keaton Church rumgeknutscht (so ein Fiesling aus der Zwölften), aber er hatte mich nur benutzt, um seine Exfreundin eifersüchtig zu machen (am nächsten Tag waren die beiden wieder zusammen). Das war die ganze Bandbreite meiner sexuellen Erfahrungen. Der einzige Mensch, der körperlich an mir interessiert zu sein schien, war mein Cousin zweiten Grades Joey Wasserman. Joey wohnte in Philadelphia, hatte einen Bart, rauchte sechs Joints am Tag und versuchte bei jedem Familienfest mich aufzureißen.
Wie Reena sagen würde, mein Leben war ein echter Horrortrip. Ich war fünfzehn, meine Mutter war seit fast zwei Jahren tot, und ich hatte noch nie einen richtigen Freund gehabt. Aber es sollte alles noch viel schlimmer kommen.

Im Taxi nach dem Abendessen bei R. grinste Paps in einem fort. Wir schwiegen eine Weile, während das Taxi die Madison Avenue hinunterrauschte, vorbei an all den schicken Läden mit den leuchtenden Fassaden. Ich hauchte das Fenster an und malte geistesabwesend ein kleines R auf die beschlagene Scheibe. »Wofür steht R.?«, fragte ich. »Für Rachel«, sagte Paps, immer noch mit dem verträumten Grinsen auf dem Gesicht. »Und warum nennt sie sich dann nicht einfach Rachel?« Er legte den Arm um mich und gab mir einen Kuss auf den Scheitel. »Ich mag sie wirklich, Alice. Sie ist nicht nur eine unglaublich talentierte Schauspielerin, sondern auch ein sehr liebevoller und großzügiger Mensch. Sie ist nicht so ein verrücktes Huhn wie all die anderen Schauspielerinnen, die ich kenne.«
Ich nickte. Eine unangenehme Pause entstand. Dann räusperte sich Paps.
»Magst du sie auch?«, fragte er. Im Nachhinein denke ich, es hätte wahrscheinlich überhaupt keine Rolle gespielt, wenn ich gesagt hätte: »Nein, Papa. Ich mag sie nicht.« Wahrscheinlich wäre trotzdem alles genauso gekommen, wie es gekommen ist. Aber ich denke viel darüber nach. Denn damals wollte ich nur, dass Papa glücklich ist und nicht mehr so traurig, wie er seit Mamas Tod war, und außerdem wollte ich eine gute Tochter sein, und R. war ja auch ganz nett, selbst wenn sie mir ein bisschen … exzentrisch erschien.
Also sah ich Papa in die Augen und sagte: »Sie ist toll.« Und ganz ehrlich, er sah so froh und erleichtert aus, dass ich das Gefühl hatte, jede andere Antwort wäre grausam gewesen. Wenig später waren die beiden offiziell ein Paar. Es fing damit an, dass Papa ein paarmal die Woche spätabends mit einer Rotweinfahne nach Hause kam und Melodien aus verschiedenen Musicals vor sich hin summte. Dann stieg ich eines Samstagmorgens verschlafen aus dem Bett, ging in die Küche und fand R. in einem lila Seidenkimono am Herd, wo sie Pfannkuchen machte.

»Hallo, Schätzchen!«, flötete sie und hauchte mir einen parfümierten Kuss auf die Wange. Ich möchte daran erinnern, dass die letzte Frau, die an unserem Herd stand und Pfannkuchen machte, meine Mutter Susan Beckerman gewesen war. Und Susan Beckerman ist – war – nicht die Art Frau, die Seidenkimonos trug und Leute »Schätzchen« nannte. Mama trug gerne Jogginghosen, und ihr Kosename für mich war »Runzel«. Meinen Vater nannte sie »Gurke«. Paps kam in die Küche, setzte sich im Pyjama an den Küchentisch und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Auf einmal wirkte es, als wären wir drei eine Familie. Dabei kannte ich R. gar nicht. Ich wusste nur, dass ihre Leidenschaften Essen, Schauspielen und Sex waren und dass sie im Stück meines Vaters am Broadway eine Krebspatientin spielte. Und dass sie schon morgens jede Menge Parfum trug. Aber was sollte ich tun? Das Ganze entzog sich meiner Kontrolle.

»Die Pfannkuchen riechen toll«, sagte ich und setzte mich an den Tisch. Paps griff nach meiner Hand und drückte sie.
Ein paar Monate vergingen. Es war Frühling, und ich ging in die neunte Klasse. Ich hätte gerne einen Freund gehabt, doch ich bekam keinen, und ich hätte gerne eine beste Freundin gehabt, doch die bekam ich auch nicht (ich hatte nur beinahebeste Freundinnen – Mädchen, die mich als zweit- oder drittbeste Freundin ansahen, nach ihrer eigentlichen besten oder zweitbesten Freundin), und ich wurde auch nicht ausgewählt, das Solo-Stück im Chorkonzert unserer Schule zu singen. Paps und R. sahen einander immer häufiger, und ich durfte immer seltener dabei sein. Manchmal besuchte R. uns zu Hause und kochte, aber öfter fand ich, wenn ich von der Schule kam, einen Zettel an der Mikrowelle, auf dem stand: »Bin mit R. im Kino.
Komme vor elf zurück.« Manchmal hörte ich sie nachts im Schlafzimmer kichern. Einmal hörte ich sogar die Matratze quietschen, worauf ich mir die Finger in die Ohren steckte, den Kopf unter fünf Kissen begrub und die Nationalhymne vor mich hin sang. Aber Paps war glücklich, und ich war froh, dass er glücklich war.

Dann folgte die Bekanntmachung. Eines Nachmittags kam ich von der Schule, und auf dem Couchtisch im Wohnzimmer stand eine Flasche Champagner. R. kam aus der Küche getänzelt und umarmte mich noch stürmischer als sonst.
»HALLO, MEIN SCHÄTZCHEN«, gurrte sie.
»Hallo, R.«, sagte ich. »Was gibt’s zu feiern?«
Ihre Augen wurden groß, und ihre spitzen Wimpern berührten beinahe die Augenbrauen, als sie den Finger an die Lippen legte. »Warte, bis dein Vater kommt«, flüsterte sie. Eine Sekunde später kam mein Vater aus der Küche. »Hallo, Baby«, sagte er.
»Hallo«, sagte ich. Dann begriff ich, dass er R. gemeint hatte. »Hallo, Baby«, murmelte sie, und sie umarmten und küssten sich. Ich machte mir nicht mal die Mühe wegzusehen. Am Anfang hatte ich mich noch jedes Mal umgedreht, wenn sie sich küssten, aus Respekt (und weil ich es ekelhaft fand), aber irgendwann begriff ich, dass ihnen vollkommen egal war, was ich tat. Sie merkten es nicht mal. Endlich riss Paps sich aus R.s Umarmung los.

»Hallo, Alice«, sagte er. »Wir haben aufregende Neuigkeiten.« Ich versuchte zu lächeln. In meinem Kopf meldete sich eine Stimme: Was wäre, wenn sie heiraten wollen?, aber ich würgte sie sofort ab, weil das absurd war, sie waren ja erst seit drei Monaten ein Paar. Paps und R. setzten sich Händchen haltend auf die Couch. »Alice«, sagte mein Vater, »R. und ich werden heiraten.« Ich blinzelte. Ich schluckte. Ich zwickte mich in die Handfläche, um zu sehen, ob ich träumte. »Was hältst du davon?«, fragte R. »Bist du froh?« Das war eine interessante Frage. Bin ich froh? Ich wusste nicht mal, wo ich mit der Formulierung meiner Antwort anfangen sollte. Nein, R., ich bin nicht froh. Meine Mutter ist tot, und du schläfst mit meinem Vater und verpestest das Haus mit deinem Parfum, und je länger du da bist, desto unwichtiger scheine ich zu werden, dabei bist du erst seit drei Monaten hier. »Du bist erst seit drei Monaten hier!«, platzte ich heraus. Das Lächeln auf ihren Gesichtern begann zu verwackeln und verschwand. Sie waren schockiert. Warum? Weil ich Alice war. Ich war immer lieb und nett gewesen. Ich hatte mich immer unterstützend und vorbildlich verhalten. Doch damit war jetzt Schluss. Heiraten? Nach drei Monaten? Das war verrückt. Mama und Papa waren sechs Jahre lang zusammen gewesen, bevor sie heirateten. »Alice«, sagte Papa. »Versuch doch wenigstens, dich mit uns zu freuen.«
»Ich freue mich nicht«, sagte ich. »Ich bin irritiert und indigniert. « (Ich lernte gerade Fremdwörter für die Schule.) »Warum?«, fragte R. »Es tut uns weh, wenn du so etwas sagst, Alice. Dein Vater und ich lieben uns.« »ICH KENNE DICH ÜBERHAUPT NICHT!«, schrie ich. Dann brach ich in Tränen aus und rannte nach oben. Na gut, ich gebe zu, es war keine besonders reife Reaktion. Aber ich war am Ende meiner Kräfte. Wo hatte das Nettsein mich hingebracht? Schluchzend warf ich mich aufs Bett, begrub das Gesicht in den Kissen und wartete, dass Paps hoch kam, um mit mir über alles zu reden. Ich würde versuchen, es ihm auszureden. Ich würde sagen: »Paps, ich will nicht, dass ihr Schluss macht, sondern ich finde nur, dass ihr euch noch ein bisschen Zeit lassen solltet. Wozu die Eile?« Dann würden wir uns in den Arm nehmen, und er würde mir über das Haar streichen.

Ich weinte immer noch in mein Kissen. Mehrere Minuten vergingen. Ich weinte lauter. Eine Viertelstunde verging. Ich heulte. Ich schlug mit den Fäusten gegen die Wand. Ich sah auf die Uhr. Ich ging auf Zehenspitzen zur Treppe und spähte ins Wohnzimmer. Sie waren fort. Ihre Mäntel hingen nicht mehr an der Garderobe. Ich konnte es nicht fassen. Sie hatten nicht mal einen Zettel dagelassen.
An diesem Nachmittag hatte ich ziemlich viel Mitleid mit mir selbst. Ich wusste ja nicht, dass alles noch viel, viel schlimmer kommen würde.

Habt ihr schon mal einen Albtraum gehabt, in dem sich jemand, den ihr liebt, gegen euch wendet? Als ich klein war, hatte ich  manchmal solche Träume, wo sich meine Eltern in böse Monster verwandelten und mich fressen wollten. Und wenn ich aufwachte, war ich wahnsinnig erleichtert. Gott sei Dank, es war nur ein Traum. In Wirklichkeit sind meine Eltern keine bösen Monster, die mich fressen wollen. Doch nachdem ich mich nicht mehr super-unterstützend und glücklich wegen Papas und R.s bevorstehender Hochzeit zeigte, verwandelte sich R. in ein böses Monster, das mich fressen wollte. Und aus diesem Traum würde ich nicht aufwachen. Es ist schwer zu beschreiben. Sie hasste mich einfach. Hasste mich. Ich sah es in ihren Augen. Vielleicht hatte sie mich die ganze Zeit gehasst, aber jetzt hatte ihr mein kleiner Wutanfall die Rechtfertigung geliefert, mich offen zu hassen. Beim Frühstück am nächsten Tag versuchte ich mich zu entschuldigen (»Ich wollte was sagen … Tut mir leid, dass ich gestern ausgeflippt bin …«), aber R. ignorierte mich einfach und fing an, Paps wegen der Hochzeitsvorbereitungen vollzuquatschen. Zwar warf mir Paps einen dankbaren Blick zu, doch die beiden redeten über nichts anderes mehr als über das Für und Wider von Schokoladen- oder Zitronenhochzeitstorten, bis ich aufstand und ging.

Ich dachte, vielleicht wäre R. nur ein paar Tage lang sauer auf mich, aber stattdessen wurde es immer schlimmer. Im Wohnzimmer ging sie an mir vorbei, ohne Hallo zu sagen. Bei den Mahlzeiten sah sie einfach durch mich hindurch. Paps versuchte immer wieder, ein Gespräch zwischen uns in Gang zu kriegen, aber ohne Erfolg. Manchmal machte er damit alles nur noch schlimmer.

»Ich habe mich gefragt, was für ein Brautjungfernkleid du bei der Hochzeit anziehen möchtest, Alice«, sagte Paps eines Abends beim Abendessen und lächelte mir über den Esstisch zu. Bevor ich antworten konnte, funkelte R. ihn bitterböse an. »Alice wird nicht Brautjungfer, Nelson«, sagte sie scharf. »Wird sie nicht?«, fragte Paps. »Nein. Ruth und Pammy sind meine Brautjungfern. Schon vergessen? Ich will, dass Alice Blumen streut.« Entsetzt sah ich auf. »Wartet mal. Sind die Blumenmädchen nicht normalerweise kleine Kinder?« Kaum hatte ich es ausgesprochen, bereute ich es bereits. »Du bist ein Kind«, sagte R. und sah mir zum ersten Mal seit einer Woche in die Augen. Mit einem unangenehmen, gruseligen, stechenden Blick. »Ich bin fünfzehn.« »Klingt nicht besonders erwachsen, finde ich. Und das Benehmen, das du an den Tag legst, ist auch nicht gerade reif, oder?« Triumphierend grinste sie mich über ihr Weinglas hinweg an. Ich klappte den Mund auf. Sah Hilfe suchend zu Paps. Er starrte auf seinen Teller. Feigling. »Ich verstehe nicht, warum ich nicht auch Brautjungfer sein kann«, sagte ich schließlich. »Weil meine Schwester und meine beste Freundin Brautjungfern sind«, sagte R. seelenruhig, »und mir noch ein Blumenmädchen fehlt.« Ich schloss die Augen. Schlimmer als die Brautjungferngeschichte war die Tatsache, dass R. mich mittlerweile offen hasste und mir, wann immer sich die Gelegenheit bot, mit hämischer Freude zu verstehen gab, wie sehr sie mich hasste. Und als ich dort am Tisch saß, schweigend und mit geschlossenen Augen, tat ich etwas, das ich noch nie in meinem Leben getan hatte. Ich betete.

Zu wem oder was ich betete, wusste ich nicht genau. Zu meiner Mutter? Zu Gott? Ich betete, dass ich irgendwie aus dieser Lage gerettet würde. Ich betete, dass das nicht wirklich mein Leben war. Ich betete das Gebet, das das Mädchen am Anfang von Forrest Gump gebetet hatte (ich kannte nicht viele Gebete, auf die ich zurückgreifen konnte – meine Eltern waren nicht religiös): Lass mich ein Vogel sein und weit, weit wegfliegen. Aber das Gebet war wieder eine schlechte Idee. Wo sollte ich hinfliegen? Am Ende lautete die Antwort: nach Massachusetts in die Pampa. Denn ein paar Wochen später kam die nächste Bekanntmachung. Nach der Schule saß ich auf dem Sofa und las eine dieser Klatschzeitschriften (Paps konnte Klatschzeitschriften grundsätzlich nicht leiden). Es war Anfang Juni. Die Hochzeit sollte Anfang Juli stattfinden. Unser Haus wurde von Floristen und Speiselieferanten und Hochzeitsplanern belagert, die Fotoalben und Schleifenmuster und Probesträuße anschleppten, aus denen R. wählen sollte. Die meiste Zeit hielt ich mich im Hintergrund und wartete, dass mich jemand nach meiner Meinung fragte. Was niemand tat.

Jedenfalls war es ein besonders ruhiger Nachmittag. R. war unterwegs, um bei irgendeinem Partyservice in Manhattan die Horsd’oevres zu probieren. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich aufs Sofa zu werfen und … nichts zu tun. Zu meiner Überraschung kam Paps aus seinem Arbeitszimmer, schlenderte durchs Wohnzimmer und setzte sich neben mich. »Hallo, Kleine«, sagte er und legte den Arm um mich. »Hallo, Paps«, sagte ich und wurde von einem ganz warmen Gefühl ergriffen. Es war wie in alten Zeiten. Wie in den traurigen alten Zeiten, als Mama gerade gestorben war, aber wenigstens nicht wie in den grauenhaften Albtraumzeiten, als Mama gestorben war und R. meine Stiefmutter werden sollte. »Was liest du da?«, fragte Paps. »Nichts«, sagte ich grinsend und versteckte die Klatschzeitschrift hinter dem Sofakissen. »Ich möchte mit dir über etwas reden«, sagte Paps vorsichtig. Ich seufzte erleichtert. Vielleicht konnten wir endlich etwas klären. Vielleicht hasste R. mich gar nicht. Oder vielleicht wollten sie die Hochzeit eine Weile verschieben. Oder vielleicht – wenigstens das – musste ich doch keine Blumen streuen. »Schieß los«, sagte ich. »Also«, sagte Paps. »Es ist eine spannende Sache. Ich hätte nicht gedacht, dass das passieren würde, aber R. ist es sehr wichtig, und … vielleicht ist es für uns alle das Beste.« Das warme Gefühl kühlte sich langsam ab. Gab es noch mehr schlechte Nachrichten? Was könnte noch schlimmer sein? Ehrlich gesagt, mir fiel kein schlimmeres Katastrophenszenario ein.
Ich setzte mich kerzengerade auf und sah Paps an. »Okay«, sagte ich. »Was ist es?«
»Wir ziehen um«, sagte er.
»Wir ziehen aus?«
»Ja.«
Mein Körper wurde taub. Na gut. Schön. Das Haus, in dem ich aufgewachsen war. Das Wohnzimmer mit dem Kakaofleck auf dem Teppich. Die Küche, in die durch den Efeu die Sonne schien. Mamas altes Arbeitszimmer mit all ihren alten Büchern. Die rote Treppe mit der knarrenden Stufe. Mein Zimmer mit dem kleinen Buntglasfenster. Die Leuchtsterne an der Decke über meinem Bett. Die Treppe zur Haustür mit dem Absatz vor der Tür. Unser Garten. Die Familie Fernandez gegenüber. Wie Erinnerungen zogen in meinem Kopf die Bilder meines Lebens vorbei, obwohl ich noch hier im Wohnzimmer saß. Ich holte tief Luft. Sei erwachsen, sagte ich mir. »Okay. Und wo ziehen wir hin? Bleiben wir in Brooklyn?« »Also … nein«, sagte er. Aus irgendeinem Grund schien es ihm schwerzufallen, die Worte über die Lippen zu bringen. »Wir ziehen nach Manhattan.« Na gut. Schön. Brooklyn, ade. Weitere Bilder zogen durch meinen Kopf. Ade, Sandsteinhaus, ade, hübsche kleine Sträßchen. Ade, Brooklyn Heights. Ade, Park Slope. Ade, Phil’s Diner. Ade, Spaziergänge am East River. Ade, Schlittenfahren im Prospect Park. Ade, Käsekuchen von Junior’s. Ade, kurzer Schulweg. Halt. Die Schule. Mein ganzes Leben war ich in dieselbe Schule gegangen, in die Montessori-Schule in Brooklyn Heights. Ich kannte dort alle. Ich mochte zwar nicht alle, aber ich kannte sie alle. In drei Jahren sollte ich meinen Abschluss machen. Wir fingen schon an, Geld für die Abireise zu sammeln. »Aber, ich kann weiter auf die Montessori-Schule gehen, oder?«, fragte ich Paps und versuchte das Zittern in meiner Stimme zu verbergen. »Dann hätte ich eben einen längeren Schulweg, oder? Wohin in Manhattan ziehen wir? Ist es weit weg?«
»Na ja, das ist es gerade«, sagte Paps. Er drehte den Kopf weg und sah aus dem Fenster. »Das ist es gerade, Alice. Wir ziehen in R.s Wohnung.«
»Aber, das ist ja an der Upper West Side. Von da ist es echt weit zur Schule.« »Ich weiß.«
»R.s Wohnung ist winzig.«
»Ja. Das ist sie.« Zitternd legte ich die Hand auf Papas Schulter. Er zuckte zusammen.
»Paps?«, fragte ich. Sei erwachsen, sei erwachsen, sei erwachsen, sei erwachsen. »Wo … wo soll ich schlafen, wenn wir in R.s Wohnung ziehen?« Endlich sah Paps mich an. Seine Augen waren rot. Er sah aus, als hätte er ein schlechtes Gewissen. Und als hätte er Angst. Er sah aus, als hätte er etwas richtig Schlimmes angestellt. Ein Kätzchen ermordet oder so was. »Schon gut, Paps«, sagte ich.
»Ist schon gut. Ich kann im Wohnzimmer schlafen. Oder im Arbeitszimmer. Sie hat doch ein Arbeitszimmer, oder? Wenn mein Bett da reinpasst, kann ich …«
»Alice«, unterbrach mich mein Vater plötzlich. »Du wirst nicht bei R. und mir wohnen. Es geht nicht. Es ist nicht genug Platz da, und du müsstest sowieso die Schule wechseln. Im Herbst gehst du auf ein Internat in Massachusetts.«
Eine lange, qualvolle Pause entstand. Ich überlegte fieberhaft, was ich zu Paps sagen könnte. Ich überlegte fieberhaft, was ihn dazu bringen würde, seine Meinung zu ändern. Ich will nicht weg. Ich weigere mich. Ich liebe New York. Ich will nicht nach Massachusetts. Ich will nicht aufs Internat. Ich werde ganz lieb sein. Ich schlafe in R.s Badezimmer. Ich schlafe im Zelt. Ich wohne bei Freunden. Ich ziehe bei der Familie Fernandez ein. Ich schlafe im Central Park unter der Brücke. Irgendwo.
»Es ist eine ganz tolle Möglichkeit für dich«, sagte Paps. »Die Schulleitung war sehr beeindruckt, als sie deine Zeugnisse sah. Sie wollen dich haben, obwohl die Anmeldefrist schon vorbei ist. Du bekommst eine erstklassige Ausbildung. Und das Schulgelände ist traumhaft schön.« Massachusetts. War es nicht kalt da? Und langweilig? Ich erinnerte mich an die Fahrt durch Massachusetts, als ich klein war, auf dem Weg zu unserem Ferienhaus in Maine. Endlose Kiefernwälder und graue Highways. Obststände. Kauzige Bauern mit Zahn lücken. Ich sah Paps in die Augen. Paps, flehte ich ihn schweigend an. Ich will nicht ausrasten. Ich will R. nicht noch einen Grund geben, mich zu hassen. Ich will nicht, dass du mich für eine schlechte Tochter hältst. Aber bitte. Bitte. Schick. Mich. Nicht. Weg. Das Seltsame war, ich sah, dass Paps mir auch etwas mit den Augen sagen wollte. Schweigend flehte er mich an, einverstanden zu sein. Ihm kein schlechtes Gewissen zu machen. Ihm nicht das Gefühl zu geben, er heiratete eine Psychopathin, die wollte, dass er seine Tochter wegschickte, aufs Internat. Obwohl er wirklich eine Psychopathin heiratete, die wollte, dass er seine Tochter aufs Internat schickte. »Und?«, sagte Paps mit rauer Stimme. »Das wäre der Plan. Wie findest du ihn?« Ich riss mich von seinem Blick los und starrte in die Küche. Ich sah den kleinen Kristall an, der am Fenster über der Spüle hing. Mama hatte den Kristall gekauft, als ich in der Grundschule war, und wir hatten ihn mit Zahnseide im Fenster aufgehängt. »Ich finde …«, sagte ich. Ich holte tief Luft. »Ich finde, der Plan klingt toll.«

NEW YORK TIMES, Hochzeitsanzeigen, Sonntag, 6. Juli
Klausenhook/Bingley Schauspielerin
Rachel Klausenhook und Schriftsteller
Nelson Bingley haben sich gestern bei Cipriani auf der 42. Straße vor fünfhundert geladenen Gästen das Jawort gegeben. Die Trauung wurde von
einem interreli giösen Prediger vorgenommen. Höhepunkt der Feier war die musikalische Darbietung von Klausenhooks Broadwaykollegen. Bekannt wurde die Braut vor allem durch ihre preisgekrönte Darstellung der Mascha in Andrea Blamuns Inszenierung von Die drei Schwestern, für die Klausenhook 1987 den Tony Award erhielt, aber auch durch ihren Auftritt als Debbie in der Originalbesetzung des Musicals Say Yes von 1975. Der Bräutigam ist zweifacher Preisträger des National Book Award. Er ist verwitwet und bringt seine fünfzehnjährige Tochter Alice mit in die Ehe.
Das Paar hat sich bei den Proben zu Bingleys erstem Theaterstück Schule des Luminismus am Broadway kennengelernt. »Ich wusste es sofort«, verkündete Klausenhook, die beim Champagner-Empfang in einer dunkelroten Donna-Karan-Robe mit langen weißen Handschuhen einfach glänzend aussah,
»Nelson betrat den Probenraum, und ich dachte: Das ist er.« Die Hochzeit stand ganz im Zeichen der Rose – rote Rosen schmückten Wände und Tische, jeder Gast erhielt ein Glaskästchen mit einer rosa Damastrose. Bingleys Tochter Alice (als Blumenmädchen ganz in schwarz) streute weiße Rosenblätter, als Klausenhook zum Altar schritt. Die Braut wird ihren Namen behalten.